Sommer, Sonne, Kontrapunkt #5 Novelle – im Zeichen des Krieges

Sommer, Sonne, Schwimmbad. Den Kontrapunkt dazu bildet die #5 Novelle  – im Zeichen des Krieges. Leider ist in der Sonnenliege das Lesen nur anstrengend, denn Tablet, Reader oder Handy sind noch nicht so konstruiert, dass die Lesbarkeit bei so viel Helligkeit auch nur viertelwegs  annehmbar wäre; daher breche ich heute eine Lanze für das überholte Format Print. Weiterer Nachteil von der E-Art. Die Endgeräte werden zu heiß. Und als mir die Sonne so richtig auf den IQ schlug- und ich fast Bücher wie die Die Urenkelin der Wanderhure zu Besuch bei der Augsburger Puppenkiste lesen wollte, griff ich zur Novelle – ging aus der Sonne und die Freude begann.

Text, der sich grafisch textlich hin- und hertransformiert; seltsam fantastische Texte, versammelt unter dem Motto Krieg, jegliche Gesprächskulturen brechende Interviews des Seltsamkeitsforschers Daniel Ableev, wunderbare Zeichnungen von Maximilian Meier. Zu guter Letzt der großartige Text des Psychologen Musaab al Tuwaijari, in dem es um eine Bombe, eine Tomahawk geht, die sich strikt selbstreflexiv verhält, sich und ihre Eigenschaften, für sie Errungenschaften, unter dem Aspekt der Nützlichkeit betrachtet. Es endet mit: „… Der Unterschied ist, meine Opfer behalten meine Reste als Erinnerungsstücke.“

War schön gewesen. Anregende Grafik. Ein Genuss. Mit schwitzenden Händen gut zu blättern. Go Print!  #5 Novelle – Zeitschrift für Experimentelles, Vö: 19.07.15, 6,00 Euro

„…Für viele von uns war Kunst ein Vorwand, nicht so früh aufstehen zu müssen und keinen Chef …

Rex Feuchti, Margarethe Grimma, 1.Auflage Juli 2014, ISBN 978-3-944-855-07-3, Verlag das Beben

zu haben. Ich zumindest musste aber immer gegen das nagende Gefühl anarbeiten, nichts gebacken zu kriegen. …(Robinson Freitag/OzEOzelOt) “  aus Rex Feuchti, von Margarethe Grimma, Verlag das Beben.

Plot: Im Vorwort gibt die Autorin M. Grimma zu Protokoll, dass sie von der Enthauptung des Pornorappers Rex Feuchti in der Hannoveraner Fußgängerzone enorm schockiert war. Aber nicht nur die kaltblütige Tat an sich entrüstete ihr gerechtigkeitsliebendes Schriftstellerherz, viele Fragen warf auch die Mörderin, die bis dato sympathische Supertalent- Gewinnerin, Xenia Hammerstein auf, die sich mit ihrem Song: Meine Liebe in die Herzen ihrer Fans sang.

Bevor am Ende enthüllt wird, was das Mädchen dazu trieb, den Rapper mit einem Samuraischwert gekonnt zu enthaupten, beginnt Frau Grimma mit einer Testamentseröffnung, zu der die indignierte Schriftstellerin, Eigenauskunft: erfolglose Schwerintellektuelle, geladen ist. Als der Notar ihr eröffnet, dass sie von Rex Feuchti auserkoren wurde, dass Archiv des Pornorappers zu sichten und nach ihrem Gusto Texte, Lieder, was immer zu veröffentlichen, da ist sie baff. Und es kommt noch besser: Dafür gibt es Geld – und nicht zu knapp.

Es wird metafiktional. Beim Sichten des Nachlasses fällt der Autorin auf: „ … keiner der Artikel war jemals in einer Zeitung erschienen, keiner der Ausschnitte je im Fernsehen gelaufen, nicht ein einziges Dokument je an der bezeichneten Stelle im Internet veröffentlicht …“ Da drängt sich nicht nur der Autorin die Frage auf: Wer war Rex Feuchti? Auf dem Grund seiner Seele auch ein Schwerintellektueller, vielleicht von hegelianischem Zuschnitt? Und welche Art von Zeitdokument wollte der Rapper, dessen Werk auf Stahlrute Records veröffentlicht wurde, schaffen?

Gleich darauf gibt Frau Grimma bekannt, dass sie noch nie etwas geschrieben hat; die kurze Irritation nutzt sie, um sehr profund über Kindergärten, die Kleinen und deren Eltern zu plaudern und darüber, dass der ultimative Kindergartenroman bedenklich lange auf sich warten lässt, womit sie recht hat. Auf einen Schreibkurs übertragen hieße dieser Stil superunzuverlässige Erzählerin oder Münchhausen ist endlich wieder da.

In der Form ist Rex Feuchti eine bunte Mischung aus Zeitungsartikeln, Geschichten, Essays, Kolummen, Märchen, Leserbriefen, Aufsätzen und deren Beurteilungen von vermeintlich wohlmeinenden Lehrkräften, Blogeinträge, Behandlungsprotokolle und mehr mischt sich kasperlebunt. Die Gliederung erfolgt durch die Lyrik des Pornorappers.

Zusammengehalten wird alles von der Frage: Wer war Xenia Hammerstein? Was trieb die junge Frau aus kleinsten Verhältnissen, die emsig an sich arbeitete, um zu einem strahlenden Star zu werden, der nicht nur die Kinder in der Hans-Clarin-Klinik verzückte, zu diesem verrückten Mord in der Fußgängerzone?

Diese Frage zog mich durch das Buch, die Antwort gibt es ganz vorbildlich am Ende, davor geht es vorbei an Figuren, die es sich kennenzulernen lohnt: wie Herrn Freudenhammer, Klangkünstler, Magda und Ivor, Punks, oder Rita Eberskrafft, Herrin über Balzgesänge im Vogelpark Walsrode – ich habe lediglich die Sache mit dem Mann, aus dem der weiße Wurm kam – nicht so gern gelesen. Was Geschmackssache ist, aber es gibt einen Punkt, an dem ich Stopp rufe.

Ich hatte meinen Spaß an dem genauen Hören, mir gefielen die Albernheiten, die sich unvermittelt als Ernst entpuppten, ich mochte die Enttarnung von einheitsgeföhnten Wortbrei aus jeglicher Richtung. Am meisten aber mochte ich die Sprache, wie so nebenher geplaudert, stets abschweifend, abstrus vom hundertsten ins tausendste gehend und dabei immer wieder unglaublich klare Parallelen ziehend. Es war sehr vergnüglich – für preiswerte 3,49 Euro!

Fazit: Sehr viel Spaß. Freude – hatte ich auch sehr, besonders an den Figuren. Vergnügen – ***** 5 Sterne für die Tatsache, wie weit die Autorin bereit ist, zu gehen, in dem Erfinden von Biografien, in dem Gestalten eines Textes, das ist erstaunlich – und schön.

Über die Autorin: Es ist der erste längere Prosatext von Margarethe Grimma, Jg. 1984, die Hunde, helles Licht und Stephen King mag. Ich hoffe, es mögen noch viele weitere folgen

Aussicht auf Licht – von Andreas S. Hansen

Aussicht auf Licht, Andreas S. Hansen, 41 Seiten, Neobooks, 1,99 Euro, ISBN: 13-978-3-8476-5019-5

 

Bei einer Auseinandersetzung um einen Schlafplatz kommen sich die beiden Nichtsesshaften, Verena Lorke und Kurt Schwinge näher. Im Verlauf der Novelle Aussicht auf Licht, von Andreas S. Hansen, präsentieren sie einander ihre Leben, von denen die eine Existenz nur verkorkst, die andere tragisch zerfetzt erscheint. Am Ende, einem Meteoriten nicht unähnlich, trifft Herr Sauermann mit seinem Mercedes und einer veritablen Tötungsabsicht auf die Obdachlosen ….

Das Leben von Verena und Kurt kann nicht leicht genannt werden, aber der Autor enthält sich freundlicherweise der Rührseligkeit, es ist kein Melodram, eher die Zustandsbeschreibung zweier Menschen.

Kurt Schwinge ist mittelalt, ein Schuhmachermeister, der vor seinen Schulden und den trüben Aussichten seiner Existenz geflohen und seitdem auf Platte ist, der Kurt hat einen lustigen Bruder, der mich sehr interessierte und dem durchaus eine eigene Erzählung gewidmet werden könnte, denn: Brüderchen verdient seinen Lebensunterhalt mit Haustierentführungen. Köstlich. Schönster Dialog: ... „Und meine Geschäfte?“ „Deine Geschäfte scheißen dich zu.“  …

Kurts Sicht ist immer der Blick eines am Boden Sitzenden, eines Bettlers, aber wie er guckt: Das ist der Blick eines Schusters auf Billigschuhe, wie Kurt es für sich nennt.

In Verenas Schicksal findet sich nichts Heiteres: missbraucht, abgerutscht, irgendwann mit der Prostitution aufgehört, sie findet nicht mehr hinein in ein Leben mit Bett und Dach über dem Kopf. Gut, dass der Autor, die Härte ihres Schicksals nicht für ein Melodram oder gar ein Happy End nutzt, so bleibt der Realismus erhalten, die der Geschichte gut tut.

Zwei kleine Einwände: Nur der vorletzte Satz macht mir zu schaffen, ich verstehe ihn nicht, mehr noch, ich halte ihn nicht für wirklich plausibel. Und dann das Cover: Die Aussicht von oben (aus einem Büro heraus) auf einen Parkplatz oder was so finde ich okay, aber ich meine fast, es könnte hübschere Motive für ein Cover geben.

Fazit: Ich mag die Ausgestoßenen, die sich finden, in der Hoffnung, es zu zweit besser zu haben.  Aussicht kann ich jedem empfehlen, der ein Faible für realistische, lakonische Schilderungen hat. Verena Lorke und Kurt Schwinge sind für mich Teil einer Bruder- und Schwesternschaft, die angeführt werden von Figuren wie sie bei Steinbeck vorkommen. Ich mag die Details bei aller Kürze, die Erinnerungen beim sich vorwärts bewegen. Aussicht auf Licht von Andreas S. Hansen habe ich gerade wieder gelesen, das mache ich gern, um mich zu vergewissern, ob die Geschichte auch noch beim zweiten Mal die Kraft hat, mich zu fesseln. Das hat sie.  Sehr.

Ein weiteres, sicher lesenswertes Werk von Herrn Hansen. Der Wichser. Über einen jungen Mann, der endlich seinem Wunschtraum, dem öffentlichen Onanieren nachgehen kann, nachdem seine ihn stets bevormundende Mutti unerwartet bei einer Taxifahrt verstirbt. (Ich habe es noch nicht gelesen, mach‘ ich aber)

Der Wichser, Andreas S. Hansen