Hausbesuche

 

HAUSBESUCH: Das Goethe-Institut gibt im Frohmann Verlag eine eigene E-Book-Reihe heraus

10 Autor_innen durch 7 Länder in 6 Sprachen ergibt 20 Reisen, was 40 Hausbesuche macht, destilliert in 11 E-Books = eine europäische Geschichte. Europäische Türen gingen auf, zehn Schriftsteller traten ein. Und da wir viel mehr Europa in Herz und Kopf brauchen, freut mich die sechssprachige E-Book Reihe, die in Kooperation mit dem Goethe Institut entstanden ist, die am  10. Januar 2017 startete. Hausbesuch, erschienen im  Frohmann Verlag.

…“Hausbesuch basiert auf der Idee, dass Schriftsteller zwei Städte in Europa besuchen, eine in Deutschland, eine woanders…“

Die Hausbesuch-Reihe startete mit Marie Darrieussecq,  die als Schriftstellerin und Psychoanalytikerin in Paris lebt, mit Neapel – Dresden in Europa. Darrieussecq, 1969 in Bayonne geboren, studierte Literaturwissenschaft an der École Normale Supérieure in Paris. 1997 ihr Erstling, Schweinerei, was ein furioser Satire-Roman über die junge Angestellte eines Massagesalons ist, die dort erst massiert, sich dann prostituiert, schlussendlich die Gestalt wechselt, sich in ein Schwein verwandelt. Im Zentrum von Darrieussecqs Schaffen stehen Frauen, die größten Widersacher ihrer Heldinnen sind das Leben in  seiner allgemeinen Widersinnig- und Ungerechtigkeit.

In Neapel – Dresden in Europa ist Darrieussecqs Sicht privat,  es ist wie ein träges Schauen aus einem ICE-Fenster, von Wimpernschlag zu Wimpernschlag, schnappschusshafte Blicke, dazwischen sich schlängelnde  Gedankenflüsse und Asssoziationen. Darrieussecqs Gehirn zieht Fäden zwischen Neapel und Dresden. Sie beginnt mit der Frage, welches ist die heimliche, die ungekrönte Hauptstadt Europas? Constanza, Berlin oder London? Ihrem Dafürhalten nach ist es Paris, warum auch immer. Dieser Ton, diese müßigen Betrachtungen, die sich einer genauen Kategorisierung entziehen, erinnern von der Stimmung her an eine absolvierte Grande Tour im 19. Jhdt, genauer an die sich anschließenden gebundenen Reisebetrachtungen mit getrockneten Blumen darin.

Denkt sie an Dresden, dann fallen der Autorin Flugzeuge, Bomben Zerstörung und  Krieg ein. Aufzählung von Katastrophe: Guernica, Hiroshima, Nagasaki, Dresden. Schlicht im Ton aber gewagt, die Komplexität des Lebens, der Kriege und des Todes so simpel herunter zu brechen. Aber es ist so: Europa ist eine Laterna magica. Die Versuche, zwei willkürlich gewählte Orte, wobei ein Ort sich in Deutschland befinden muss, miteinander zu verbinden, also Europa ideell auf den längst fälligen Nenner zu bringen, ist schwer. Hier Dresden und seine Erinnerungskultur, die Frauenkirche als Symbol der Zerstörung, dort Neapel und sein Müllproblem. Da ist Dresden, dass sich in Teilen echauffiert über drei hochkant gestellte Busse, die an einen Krieg in Syrien erinnern sollen, der immer noch tobt. Busse als ein Symbol für Menschen, die sich hinter diesen vor Scharfschützen zu verstecken suchten, die Frauenkirche als ein Symbol für die Leiden des Krieges. Also Symbol neben Symbol für einen nötigen Frieden wird dieser Tage in Dresden zu offen gelebter Rage. Weiterführend ein schöner Artikel des Online-Magazins Elbmargarita von Nicole Czerwinka.

Und warum gibt es Neapel keinen Dresdner Hof, wenn es doch in Dresden eine Pizzeria Napoli gibt? Die Autorin sucht nach Gemeinsamkeiten, ist bei Meridianen, findet in Viktor Klemperer eine Übereinstimmung. Klemperer lebte und litt nicht nur in Dresden im Dritten Reich, sondern arbeitete vor dem Zweiten Weltkrieg an der Universität von Neapel als Lektor. Erschöpfen sich da die Gemeinsamkeiten?

Neapel. Über Neapel schreibt Marie Darrieussecq leider weniger. Aber eine Familie, endlich Menschen,  Frauen und ein sehr alter Mann, lädt zu Besuch. Der Ton wird anders, ein Gegenüber macht sich konkret. Wie unterscheiden sich Neapolitanische von Dresdner Problemen?  Genannt werden nicht die Steuern, notiert Darrieussecq, nicht die Migranten, sondern die Mafia und vor allen Dingen der Stress. „… Am Ende des Tages haben die einfachsten Dinge so viel Energie verbraucht, dass du erschöpft bist. …“. 

Die Reise von Marie Darrieussecq beginnt wie ein privater Eindruck. Wie ein Tagebuch – stellenweise mutet es an wie ein bürgerliches Reisetagebuch des 19. Jhdts., aber dann öffnet es sich, es kommt zum Gespräch, das Miteinander, Durcheinander ist erfrischend, die Skizzenhaftigkeit erhellend, auch deprimierend, aber immer kurzweilig. Und schon wäre ich beim Fazit: Dieses Europa ist schwer unter einen Hut zu bringen – wenn es sich schon als so mühsam erweist, zwei Städte auf einen Nenner zu bringen. Aber das Bemühen, das Ringen darum, ist eine schöne Reise hin zu dem, was Europa ausmacht: Vielfalt. Einer der schönsten Sätze von Marie Darrieussecq geht so: ….„Europa ist ein gemischtes Land, sehr alt, sehr schmerzhaft und sehr schön, voller Hoffnung und Furcht, und es wird die Metaphern ebenso überleben wie die Faschisten, die Terroristen, die Arbeitslosigkeit und die Korruption, selbst seine eigenen Mythen wird es überleben, ich weiß bloß nicht, in welchem Zustand….“.

Ein Hausbesuch in sechs Sprachen. Ein schönes Projekt, dass zeigt, wie wenig Europäerin ich bin, wie wenig ich zwischen den Sprachen wechseln konnte. Dafür sehr schön aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt von Frank Heibert.

Frohmann Verlag:

Marie Darrieussecq
Hausbesuch. Naples-Dresde en Europe
Reihe Hausbesuch, Vol. 1
E-Book (ePub/mobi), 202 p.
Berlin: Frohmann
10 January 2017

ISBN ePub: 978-3-947047-00-0
ISBN mobi: 978-3-947047-01-7

EUR 2,99

Shops
Amazon, Apple iBooks, Barne&Noble, bol.de, bücher.de, Hugendubel, Mayersche, Ocelot, Osiander, Schweitzer und Thalia.

#HausbesuchLIT

Sich in Polen einen Bob schneiden lassen von Magdalena Jagelke und Deadline: Indie-Autor-Preis 2015

Sicher besteht die Möglichkeit, sich in Polen einen Bob schneiden zu lassen, aber es können auch die Erzählungen von Magdalena Jagelke gelesen werden,  die überdies länger Spaß machen als ein Haarschnitt, der eh nur rauswächst.

In dem Erzählband sind Geschichten von, über und mit Frauen versammelt, bis auf wenige Ausnahmen im Heute erzählt. Kurzsichtigkeit im Schreiben ist der Autorin nicht gegeben und genau da entstand  beim Lesen meine große Freude: Es ist dieser sehr genaue Blick von kargen Alltagsbeschreibungen, zum Beispiel in der Geschichte um eine Hochzeit, demgegenüber stehen nüchterne Handlungen, von denen der Akt des Beinerasierens vielleicht die prosaischste ist.

Die mich am meisten überraschendste Geschichte gleich zu Beginn dieses E-Books der unerwartet schönen Erzählungen heißt: Im Orang-Utan Europas, die mir die temporäre Nichtexistenz des Landes Polen über Jahrhunderte eindrücklich vor Augen führte, lebendig gemacht durch eine wunderschöne, mutige Frauenfigur, die Zofia.   

Meine schönste Geschichte, Agnieszka, behandelt ein Treffen zweier Frauen, bei der Fotos einer Pilgerfahrt angeschaut werden. Die eine ist gläubig, die andere nicht. Auszug aus den Aufzeichnungen der Agnieszka: „…. Lass niemanden zwischen Gott und dich. Gib Acht und rechne mit Überraschungen. Rechne mit Enttäuschungen. Das Leben ist nicht einfach. Das Leben ist eine Prüfung, vergiss das nicht. Verzweifle nicht an deinem Leben. Die Zukunft bringt ein Reich, das von Gott ist. …“

Besser geht nicht. Es ist nicht einfach, mit neuen Bezugssystemen das Gefühl, wer man ist, was man ist, bei sich zu behalten. Die eine treibt ihre Liebe zu Gott auf die Spitze, die andere will leben und diese Systeme leben nebeneinander – ohne störende Autorenwertung. Und da ist auch das Thema des Buches: Das Nebeneinander  – mit einem Bein hier und mit dem anderen da, in Beziehungen, in Entscheidungen, räumlich-geografisch. Es gibt Hoffnung: Die Protagonistinnen halten das Ziehen und Zerren ganz gut aus.

Die Beschreibungen sind kurz und präzise, also herrlich. Wie allein schon das liebevoll gestaltete Heftlein der Agnieszka Kowalski mit ein paar Sätzen beschrieben wird, das Büchlein, in das die junge Frau ihre Gedanken und Liebe zu Gott fließen lässt, sind subversiv beobachtet und werden dadurch unglaublich komisch, obwohl eigentlich nichts lustig ist.

Magdalena Jagelke, geboren 1974, seit 1986 in Deutschland lebend. Nominierung für den Lyrikpreis München 2010, Merck-Stipendiatin, Mutter und Mutter ihrer ersten traumschönen Erzählsammlung; Sich in Polen einen Bob schneiden lassen. CulturBooksVerlag 2015, VÖ-Datum: 01.01.2015, ISBN 978-3-944818-75-7, 3,99 Euro.

 

Der Indie-Autor-Preis 2015, Leipzig

Selbstpubliziertes hat sich nicht nur im E-Book-Handel, sondern mittlerweile auch auf den Buchmessen etabliert.

Zum dritten Mal in Folge wird am 14.03.15 auf der Leipziger Buchmesse der Indie-Autoren-Preis verliehen.

Dieser Preis, ausgelobt von der Leipziger Buchmesse und neobooks, soll die engagierte Arbeit von Self-Publishern loben, die, denn nach dem Schreiben wartet auf die SPler Vermarktung, Vertrieb, Organisation von Lesungen und vieles mehr.  Das Wichtigste zum Schluss: Bis um 23:59 Uhr kann (und sollte) für Lieblingsbücher oder –Autoren abgestimmt werden.  Zur Abstimmung hier: Shortlist