Nellie Bly: Zehn Tage im Irrenhaus

1887 Undercover in der Psychiatrie. Für die New York World berichtet die 23jährige Journalistin Nellie Bly 1887 aus der frauenpsychiatrischen Abteilung auf Blackwells Island.

Es war das einerseits das rasante Wachstum des amerikanischen Zeitungsmarktes, das solche Stories, damals neu, möglich machte. Zwischen 1870 und 1899 vervierfachte sich die Zahl der Tageszeitungen in Amerika, es entstanden neue Kundengruppen und die Leserschaft der Immigranten sprach der ungarischstämmige Zeitungsmacher Joseph Pulitzer mit seiner Zeitung New York World an. So entstand auf der einen Seite durch Zuwachs an Leserschaft, andere Lesebedürfnisse und den gestiegenen Bedarf an Stories die erste große investigative Story New Yorks: Undercover in der Psychiatrie. Als Nebenprodukt der Geburt der investigativen Story wurde der Typus des Stunt Girls kreiert, wovon Frauen wie Nellie Bly profitierten, waren bis dahin Frauen als Journalistinnen kaum gesehen und wenn, dann bildeten sie häusliche Themenbereiche (Garten, Kochen, etc.) auf den hinteren Seiten der Blätter ab.

Nellie Bly ist 23 Jahre alt, als sie vom Herausgeber der New York World gefragt wird, ob sie es sich zutrauen würde, sich als Geisteskranke in eine der New Yorker Heilanstalten einweisen zu lassen, um eine Insidestory über die Behandlung von Patientinnen schreiben zu können. So beginnt die als Bericht gehaltene Reportage. Anhand der schlichten Vorkehrungen, die getroffen werden, um Nellie wieder herauszuholen, drängt sich die Frage auf, ob die Herausgeber der Zeitung dem Vorhaben überhaupt eine Chance gaben. Nellie ist interessiert, hat aber kaum Ahnung von Geisteskrankheiten oder dem Leben in Anstalten (was gut ist). Also mietet sie sich in einem Behelfsheim für Damen ein und gibt dort vor, den Verstand verloren zu haben. Die Heimleiterin nimmt sich ihrer an. Nach Vorführung bei Gericht, Begutachtung durch Ärzte wird sie in das Bellevue Hospital und von dort nach Blackwells Island überwiesen. Bemerkenswert ist, dass Nellie Bly sich schnell verhält wie immer. Das ist eine Beobachtung, sie zieht daraus keine Schlüsse, aber sie erfasst ein Labeln 1887 intuitiv sehr genau. Das ist die grundsätzliche Erzählhaltung. Sie nimmt wahr und gibt wieder. Psychologisieren liegt ihr fern, persönliche Eindrücke kommen aus ihrem eigenen Erleben.

Die Schilderungen ihres Aufenthaltes sind bedrückend, sie lesen sich nicht historisch, sondern zeitgemäß, auch weil Nellie Bly sich müht, die Abläufe so zu schildern, wie sie sich zugetragen haben. Es zeigt sich in der reportagehaften Erzählung. Hat ein Mensch Macht über andere, dann scheint es schwerzufallen, die nicht grausam und absolut auszuüben. Das geschilderte Pflegepersonal beeindruckt durch seine Rohheit, die Ärzte scheinen abwesend, wissen entweder nicht viel, oder doch so viel, dass ihnen klar ist, dass eine Besserung der Lebensumstände viele Leiden nicht ausbrechen lassen würde.

„…Seit meine Erlebnisse in der Irrenanstalt von Blackwells Island in der New York World veröffentlicht worde sind, habe ich Hunderte von Briefen erhalten. … Ich freue mich, verkünden zu können, dass die Stadt New York aufgrund meines Besuchs in der Anstalt und der darauf folgenden Enthüllungen eine Million Dollar mehr pro Jahr für die Pflege der Geisteskranken bewilligt hat. So verspüre ich immerhin die befriedigende Gewissheit, dass die armen Unglücklichen aufgrund meiner Arbeit in Zukunft besser umsorgt sein werden. Nellie Bly …“

Sehr lesenswert das Nachwort des Herausgebers Martin Wagners, der die oben genannte euphorische Einleitung in einen soliden geschichtlichen Kontext stellt, Nellie Blys ungewöhnliches Leben beleuchtet und Wissenswertes über den investigativen Journalismus in Amerika beizusteuern hat. Diese Figur in ihrer Zeit und das Stellen der Reportage in den Kontext der Zeit geben der Story Zehn Tage im Irrenhause eine gelungene Vielschichtigkeit.

Bly, Nellie: Zehn Tage im Irrenhaus

Martin Wagner (Hg.)

Aus dem Englischen übersetzt

und mit Nachwort v. Martin Wagner

192 Seiten

Broschur m. Abb.

4. Auflage

ISBN 978-3-932338-62-5

Als E-Book bei Culturbooks erhältlich