Amanda Lee Koe: Die letzten Strahlen eines Sterns

Drei Frauen, ein Foto, Berlin 1928. Abgebildet sind Marlene Dietrich, Anna Mae Wong und Leni Riefenstahl, fotografiert von Alfred Eisenstaedt, Fotoreporter, freier Mitarbeiter des Berliner Tageblatts. Seine Fotografie der gegensätzlichen Frauen ist der Auslöser für die Autorin, den Lebenswegen der Frauen auf eine epische Art nachzuspüren. Wie sie da so zusammengewürfelt dastehen, im Bild fühlbar der Aufmerksamkeitsanspruch der Dietrich, der mächtige Hunger der Riefenstahl und das freundlich angespannte Unwohlsein einer Anna Mae Wong. Gut wahrscheinlich, dass Heute zu viel in das Bild hineininterpretiert wird, weil den Nachgeborenen bekannt ist, was noch auf die Frauen zukommen wird, welche Schwierigkeiten sie meistern oder eben nicht meistern werden, welchen Verführungen sie sich hingeben, alles bekannt.

Dieses Schwarz-Weiß-Foto, ein wenig grobkörnig, in Eile entstanden, der Bildausschnitt ist nicht stimmig, ist eine wunderschöne Grundidee und klug gewählter Ausgangspunkt – wie eine Tür, um in das Leben der Frauen einzusteigen und zu erzählen. Und was Amanda Lee Koe aus den biographischen Schatzkästchen macht, die diese Frauen in sich tragen werden, ist umwerfend.

Anna May Wong: Erste chinesischstämmige Hollywooddarstellerin, die in Hollywood den Durchbruch schaffte, allerdings in für sie vorgesehenen stereotypen Rollen. Wie sie selbst in Die letzten Strahlen eines Sterns aussagt, muss sie als Chinesin gegen Filmende immer sterben. Gleich am Anfang des Buches, drei Frauen treffen sich auf einer Filmparty in Berlin, zu Ehren Anna May Wongs, wird sie immer wieder nach China gefragt, wie es dort ist … etc. und sie kann diese Leistung einfach nicht bringen, von China erzählen, die Fragenden schnell und gewitzt mit fernöstlichen Traditionen vertraut machen, denn Anna May ist in Kalifornien geboren, ihre Eltern besitzen eine Wäscherei, und sie muss sich gegenüber ihren Eltern, aber auch gegenüber allen anderen immer wieder behaupten, nicht nur für ihr Aussehen, im Eigentlichen für ihr Dasein. Wo sie auch hinkommt, immer ist sie anders. Anna May Wong ist tapfer resilient, bis der Alkohol die Schichten blättern lässt. Ihr herausforderndes Leben, dass unglaublich schön geschildert ist, dauerte von 1905 – 1961.

Leni Riefenstahl: Man meint, sie ist bekannt, aber hier liegt die Schönheit und die Unverfrorenheit der Autorin, die sich gut ausgeht, weil sie sich die Riefenstahl total aneignet. Ihre Abneigung gegen Marlene Dietrich ist bekannt und in schöne Bemerkungen gegossen, ihre ewigen Rechtfertigungen nach dem Nationalsozialismus sind ebenfalls sattsam bekannt, aber so gut geschrieben, dass gerade die Riefenstahl grandios ausgekleidet ist. Besonderes Augenmerk finden die Drehbedingungen zum Film Tiefland, in dem ein Wolf abhanden kommt, L.R. ihre chronische Blasenentzündung höher bewertet als das Schicksal der Männer, Frauen und Kinder, die sie aus einem Lager zu dem Set in den Bergen karren lässt (und dann wieder zurück). Eine Mitläuferin, noch nicht einmal eiskalt, aber ein Mensch, der sein Wohlbefinden, seinen Aufstieg, einfach sich in den Mittelpunkt stellt. So wirken nach dem Buch die Riefenstahlfotos eines Helmut Newton unangenehm ikonisierend.

Marlene Dietrich: Im Alter, in Paris, freiwillig bettlägerig, umhegt von einer chinesischen Angestellten, die einen interessanten Subplot bekommt, schwelgend in Erinnerungen. Hier zeigt sich die gute Recherche einerseits, andererseits die schriftstellerische Freiheit, die sich die Autorin nimmt, um ihre Figuren sprechen zu lassen.

Zusammenfassend stelle ich fest: Die letzten Strahlen eines Sterns ist episch, farbenfroh, gut recherchiert und vor allen Dingen herausragend erzählt.

Das bekannteste Foto von Eisenstaedt: Der Dancelip-Kiss, der Schnappschuss anlässslich des V-J Days 1945, als ein Matrose eine Krankenschwester in New York küsst.

Die letzten Strahlen eines Sterns. Roman. Aus dem Englischen von Zoë Beck. Originaltitel: Delayed Rays of a Star. Culturbooks Verlag, April 2022. Circa 500 Seiten. 28,00 Euro (D), 28,80 Euro (A). E-Book: 19,99 Euro. Zum Buch.
Ministerium für öffentliche Erregung. Storys. Aus dem Englischen von Zoë Beck. Hardcover. CulturBooks, Oktober 2016. 240 Seiten. 22,00 Euro (D), 22,60 Euro (A). Zum Buch.