N.K. Jemisin: Die Wächterinnen von New York

Wenn Städte lebendig werden, bestimmen sie eine Person, die sie verkörpern soll. New York ist am Erwachen. Aber die Größe der Stadt, die Einzigartigkeit jeder der Stadtteile verlangt nach mehreren Wächter*innen. Es schließt sich eine Geschichte an, die auch vom Suchen und Finden in einer Großstadt heißen könnte. Aber der bessere Titel ist ohne Zweifel: Die Wächterinnen von New York.  

Die Wächter*Innen sind so unterschiedlich, wie die Bezirke New Yorks. Queens, Bronx und Manhattan in Menschengestalt repräsentieren ihren Stadtteil – in seinen Facetten, mit seinen Widersprüchen und Großartigkeiten. Die größte Herausforderung: Sie müssen zusammenhalten und zusammenarbeiten, was ein erhebliches Maß an Spannungen und Problemen nach sich zieht.

Eine Stadt lebendig werden zu lassen, und zwar in dem Moment, in dem sie prallvoll mit Leben, Menschen, Begebenheiten und Geschichten ist – das ist eine schöne, kräftige Idee. Eine Geburt. In dem Roman hat jede Stadt unserer Welt durchgemacht oder wird es noch erleben. Im Moment der Werdung sind Städte ungeschützt, angreifbar, zu sehen am Beispiel von Port-au-Prince, dass im Vorgang des Erwachens starb. Was ist heute von Port-au-Prince noch übrig? Der Gegenspieler ist eine große, magische Kraft in vielerlei Gestalt. Und was will der Gegenspieler? Die Erklärung ist ebenso überraschend wie logisch.

Es ist ein Stadtroman mit einer enormen Liebe zu New York und es ist Science-Fiction, N.K. Jemisin zitiert oft H.P. Lovecraft – was wie eine Einladung war, mal wieder Lovecraft zu lesen. Es gibt große Unterschiede zur Gestaltung einer Geschichte zwischen Lovecraft und Jemisin. Die übernatürlichen Elemente sind bei Lovecraft viel ausgeprägter, er verlagert sein Setting oft in den Kopf seiner Protagonisten, die an ihrer Geisteskraft zweifeln und mit ihm der Leser, Hexen und Gehilfen (Brown Jenkin) werden mit genauen mathematischen Erklärungen aus der Zwischenwelt ins Diesseits bemüht, und beginnen, ihr Unwesen zu treiben, Jemisin steigt viel später in die Geschichte ein, nicht das Böse, das Andere ist gesetzt. New York ist neben den Wächter*innen nicht nur Haupthandlungsort, auch Hauptfigur. Wie eine Zwiebel, mit Liebe werden die verschiedenen Schichten der Stadt freigelegt, bis hin zu den ersten Bewohnern.  Die Geschichte der sich immer wieder verändernden Stadt ist extrem berührend, weil liebevoll geschrieben, so dass beim Lesen die Lust auf Erkundung der Stadt steigt. Bei mir hielt der Vorsatz bis zur Danksagung:„ Außerdem möchte ich mich persönlich bei New York selbst bedanken. ….und eine Straßenratte getreten, als sie auf mich losgegangen ist. Wegen New York liebe ich Hip-Hop und halte mich von der Polizei fern…“.

Mit seinen über 500 Seiten ist der Roman ambitioniert, was die Idee betrifft und sehr gelungen, was die Verkörperlichung angeht –  aber beides ist zu breit ausgewalzt. Zum Ende hin gibt es kaum noch einen Fortlauf der Handlung – nur Stillstand. Die Wächter*innnen sind immer wieder dabei, irgendetwas zu rekapitulieren, oder sie streiten sich oder sind hoffnungslos und müssen motiviert werden. Es wartet einfach nur der Endkampf auf sie. Es gibt eine große Überraschung zum Ende hin – aber das macht den Handlungsleerlauf nicht wett. Und wenn nichts passiert, dann versuche ich als Leserin, mir die Figuren von allen Seiten zu beschauen und es fällt auf – dass es eher gute Absichten denn Figuren sind.

Es ist ein Roman. Ein lesenswerter Stadtroman. Gute Science-Fiction. Und ein generationenübergreifendes Buch. Ich habe Die Wächterinnen von New York nur deshalb nicht durchgehend lesen können, weil meine weniglesenden Söhne es mir oft weggenommen haben. Ich warte auf die Fortsetzung.

The City We Became, 2020, N.K. Jemisin, aus dem amerikanischen Englisch von Benjamin Mildner, 538 S.