Zusammenkunft, Natasha Brown

Aufstieg ist Programm, Zielvorstellung, der Plan, dass Darauf-hin-Leben der namenlosen Ich-Erzählerin. Existenz nur zum Zweck des Seins erschiene unvollkommen, es ist der Aufstiegswillen, der ein Leben ausmacht; und es ist erst einmal egal – wie das Nach-Oben-Kraxeln ausgeht.

Und genauso stellt sich der gesellschaftliche Aufstieg in dem Roman von Natasha Brown dar: als weitgehend unbewusste Handlung. Die Autorin legt durch die Augen und am Körper ihrer Hauptfigur kapitalistisches Programm und Prozesse in seiner unglaublichen Brutalität bloß – denn der ist ausgeschlossen, dem es nicht gegeben ist, aufzusteigen, der ist ausgeschlossen, der nichts aus sich machen kann, aus welchen Gründen auch immer. Der Roman spielt im Heute in London, alles aus der Perspektive der weiblichen, schwarzen Hauptfigur.

Auf der Ebene der Handlung setzt die Erzählung an einem ungewöhnlichen Punkt ein, nämlich an dem Punkt, an dem Erzählungen oft enden. Ist es ein Happy-End, kann die Hauptfigur die Früchte ihres mühsamen und mühseligen Aufstiegs genießen. Ist es kein Happy-End, ist der Held*in tot. Zusammenkunft startet am Ende, das Wichtigste ist erreicht, erkämpft und die weibliche Hauptfigur ist erschöpft, kommt nicht ins Genießen, sondern im Gegenteil, fängt an zu überdenken, ob der Aufstiegswille die Zerstörung ihrer Person rechtfertigt. Dass sie sich den komplexen Angelegenheiten des Fühlens entzieht, liegt an den fast durchgängig beleidigenden und sie entwertenden Situationen, in die die Autorin ihre Figur immer wieder stellt.

Szene: Als sie Kindern in einer Schule berichtet, was ein Mensch alles schaffen kann im Leben, wenn die Hemdsärmel nur hochgekrempelt werden und sie ihr schwarzes Sein ausstellt im Namen ihrer Firma (Großbank, nicht genauer kenntlich) und den Kindern suggeriert, dass alles machbar wäre im Leben, man muss nur wollen – und sie folgerichtig von einer Schülerin gefragt wird, ob sie in einer Villa wohnt – in dem Moment ist das Bittere in dem Roman überdeutlich zu schmecken. Denn da steht eine schwarze Frau auf dem Podium in einer Aula, es riecht nach zerkochtem Essen, und sie lässt Kinder über die Folgekosten ihres persönlichen Aufstiegs bewusst im Unklaren. Komplize ist ein Diaprojektor, der in heiteren Bildern diverse Leben in fröhlicher Arbeitsatmosphäre an die Wand wirft.

Nebenher wird auch über die Mode der Megadiversität in Medien erzählt. Verschiedene ethnische Gruppen auf ein Bild, in eine Werbung zu bannen, heißt nicht unbedingt, dass sich a) das Bewusstsein der Sehenden ändert, b)Diversität läuft immer Gefahr unmodern zu werden, c) kann Farce werden, wenn erlebtes Leben nicht mit gelebtem Leben übereinstimmt.

Äußerlich ist alles da. Eine Arbeit, die es ermöglicht, mithilfe von Fondsmanagern in die Absicherung des Alters zu investieren, eine Wohnung in einem schönen, alten, stuckverziertem Townhouse, eine private Krankenversicherung; den richtigen Freund (in Whitehall irgendwas arbeitend). In der Summe ein recht unangenehmes Aufsteigerstrebertum.

Und da ist da noch – mit privater Krankenversicherung – Krebs. Die Angestellten an der Rezeption der onkologischen Praxis begrüßen die Patienten wie Gäste in einem Spa. Diese Beobachtungen pumpen den Roman Zusammenkunft auf, machen aus ihm mehr als nur eine Klage über bestehende, ungerechte Systeme. Die Hauptfigur behält das Wissen um ihren Krebs für sich, es scheint, als wäre die Krankheit das Einzige, über das Andere keine Deutungshoheit haben. Krebs, der in dem Hauptfigurenkörper wuchert, ist unbedingt theatral. Die Entscheidung der Figur, wie sie sich zu ihrer Krankheit verhält, halte ich für eine unglückliche Autorenentscheidung.  

Der Roman von Natasha Brown ist eine Studie über den Umgang mit Ethnien, über Klassen, über die unnachgiebige gläserne Decke, was nur der merkt, der nah genug herankommt.

Aufstieg ist keine abgeschlossene, sondern eine fortwährende Handlung, Aufstieg ist Ziel und nicht Dasein. Zusammenkunft ist ein Roman über die Erschöpfung einer Person, die die Ziellinie nur äußerlich erreichen kann und zwar auf jeder Ebene ihres Seins: Arbeitsleben, Privatleben, Liebesleben. Diese verschiedenen Stränge gestaltet die Autorin bewusst unemotional, was nur zeigt, dass die weibliche Hauptfigur nicht Handelnde ihres Lebens ist.

Zusammenkunft ist ein sehr gelungener Roman über das völlig unkritische Bejahen des kapitalistischen Aufstiegsgedanken. Und da liegt unter Umständen der  tragische Fehlschluss der Hauptfigur: Natürlich kann nicht Jede*r sein Leben frei gestalten. Nicht Fleiß ist der Schlüssel zu einem erfolgreichem Leben; überall sind Grenzen gesetzt: Ländergrenzen – Grenzen des Geschlechts – Grenzen der Herkunft – Grenzen der Gesundheit.

   

Zusammenkunft, Natasha Brown, aus dem Englischen von Jackie Thomae, 114 Seiten, Suhrkamp Verlag, 20,00 Euro